Als Varel noch eine blühende Disco-Landschaft war

Disco „Eiche“ in Obenstrohe

Die Disco „Eiche“ war ein historisches und bekanntes Gebäude (reicht zurück bis in das Jahr 1718), das auch unsere Eltern und Großeltern schon kannten. Ich kann mich noch gut an diese alte tolle Zeit erinnern, wo sich Jung bis Alt die Klinke in die Hand gaben. Es gab dort ein sehr gemischtes Publikum. Das musikalische Angebot und gepflegte Ambiente gab wohl auch den Anlass dafür, dass sich dort so viele unterschiedliche Menschen mit ihren Interessen trafen. Das war leider nicht immer so.


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Die Zeit bis Ende der 90’er war wohl noch die beste Zeit. Dort traf ich viele meiner Bekannten. Aber auch neue Leute (u. a. auch für mich sehr nette Damen) konnte man dort gut kennenlernen.
An der Theke stand u. a. mein alter lieber Nachbar Dirk, mit dem ich immer gern plauderte. Ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich nicht verdursten musste und manchmal auch erst sehr spät nach Hause ging. Es machte Spaß.
Leider dauerte es nicht lange und dieses bekannte und beliebte Urgestein „Eiche“ musste 2003 seine Pforten schließen. Der Saal wurde abgerissen und auf dem Areal entstanden Wohnhäuser. Hier hätte ich persönlich zum Schluss (unter dem Gesichtspunkt seiner Historie) lieber das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt gesehen.

Von Peter Maffay bis Joy Fleming – in den 70er-Jahren gaben sich in Varel Stars die Klinken in die Hand. Wer erinnert sich noch?
https://www.nwzonline.de/varel/varel-deutsche-eiche-h-9-oder-sir-george-als-varel-noch-eine-bluehende-disco-landschaft-war_a_32,1,1337066886.html

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Über die (wahren) Gründe der endgültigen Schließung wurde viel spekuliert und soll hier jetzt auch nicht weiter von mir befeuert werden. So oder so, hätte die Disco, nur als Disco allein, (so meine Meinung) auf kurz oder lang Probleme bekommen. Das wäre dann, aus heutiger Sicht, auch kein Einzelfall mehr gewesen.

Das Problem der verwelkten Disco- und Kneipenlandschaften hat doch mehrere Ursachen, auf die kaum einer konkret eingehen will. Vielleicht sehen viele diese auch durch den Tunnelblick der grauen Landschaften nicht mehr. Ein paar davon fallen mir spontan ein.

Hauptgrund sind wohl meist die Kosten auf beiden Seiten. Beim Betreiber und auch bei den Gästen. Das Kneipensterben ist so ein schönes Beispiel aus der (Vorsicht Wortspiel) „Wirtschaft“. Wenn die Gäste nicht mehr kommen, kann der Wirt auch nichts mehr ausschenken. Ein Bier kostet heutzutage ja auch fast so viel wie eine komplett gefüllte Kiste Billig-Bier vom Massenmarkt. Da bleiben viele Gäste lieber daheim und können dort dann gleich danach umfallen. „Vorglühen, also das vorherige „Volllaufen lassen“ liegt daher heute bei vielen Gästen voll im Trend. Besoffen werden geht so schneller und billiger, bevor man dann weiter auf Tour geht.

Die Freizeitgewohnheiten haben sich ebenso bei den Menschen geändert. Das Interesse nur in eine Disco zu gehen, bringt den meisten nicht genügend Schub für den Adrenalinspiegel. Es müssen daher schon besondere Attraktionen sein, um die Massen anzuziehen. Live-Strip mit kastrierten Feldhamstern auf der Bühne oder VSDS (Varel sucht dumme Seppels) mit einem Bohlen-Imitator. Oder auch kuriose Stars, die ein Schäfer-Lied in das Mikrofon krächzen müssen, damit andere sich darüber lustig machen können. Nur so ist das Dilemma noch zu meistern, damit überhaupt noch jemand Eintritt für den Tempel des Tanzbeins zahlt.

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Aber auch sämtliche Freizeitangebote sind mittlerweile die neuen „Tempel der Bespaßung“. Bowling, Indoor-Skilaufen, Star-Wars-Laserschießen, Gotcha mit echten Waffen, Escape-Room für Hobby-Masochichsten, Unterwassergolfen im Marianengraben, ohne Raumanzug und nur mit dem eigenen Körper Sackhüpfen auf dem Mond, der anonyme Fummel-Klub der rüstigen und beschnittenen Rentner, gemeinsames Bombenbasteln in der Moschee oder auch Selfie-Challenges mit Baumwoll-Hunden. Es gibt immer mehr und immer mehr neuere bzw. kuriosere Angebote. Mittlerweile gibt es ein Überangebot für die Freizeit am Abend oder auch am Wochenende und solange natürlich auch das Portemonnaie da mitspielt. Musik wird meistens ja auch noch dabei im Hintergrund gespielt; was will man mehr. Da ist die bekannte „normale Disco“ doch eher altbacken, langweilig und spießig dagegen.

Ebenso die Kommunikation. Früher war die Disco noch ein Ort der verbalen- und nonverbalen Kommunikation (wenn die Musik schon so laut war, dass man sich sonst schon anschreien musste). Mittlerweile hat sich das erheblich gewandelt. Heute würde das anders aussehen.

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Die Gäste selber sorgen mittlerweile dafür, dass die Kommunikation sich mehr auf den „Mini-Bildschirm für Augenkrebs“ in die Hand verlagert hat. Wenn ich heute als wartender Gast auf dem Bahnhof oder an einem Wartehäuschen stehe, sehe ich in der Mehrzahl nur andere, die hier gedankenversunken auf ihre Displays starren. Vor Jahren hätte man sich mit seinem Gegenüber noch über das schlechte Wetter oder den verspäteten Zügen unterhalten. Heute tippen die Menschen nur noch auf ihre Displays rum. Aber ist auch okay, nicht jeder möchte sich unterhalten oder fühlt sich zu einem Gespräch bereit und ich selber wäre  auch froh, wenn so einige Zeitgenossen mich selber gar nicht erst ansprechen würden.

Übertrage ich das auf die Discos von heute, so würde ich heute die  vielen Gäste am Rande der Tanzzone stehend sehen. Diese schauen nach unten und tippen auf ihren Smartphones rum. Vielleicht gerade die letzten Bilder, „vom schlechtesten Tänzer aller Zeiten“, welches sie an Facebook, WhatsApp & Co. verschicken. Auf jeden Fall hätte man gute Chancen, nach dem letzten „wall of death“ (siehe Video unten) ein paar verloren gegangene Smartphones auf der Tanzfläche für fast umsonst zu finden.

 

Aber sind die Tanzgewohnheiten ja generell anders geworden. Heute tanzt man nicht mehr so oft miteinander. Heute hüpft man mehr allein, wie so ein Akrobat aus dem Zirkus, auf der Tanzfläche  rum, während der Rest (so ca. 99%, oft mit einer Bierflasche in der Hand) sich am Rande dieser Fläche stehen  und dumpf vor sich hin glotzen (oder einen bestimmten Arsch der gutaussehenden Damen oder Herren fixieren) oder eben auf das Smartphone starren und überlegen, was sie jetzt wieder auf dem Display „wischen“ können.

 

Weitere Infos:

https://mein.nwzonline.de/varel/ortsgeschichte/vareler-papierkorb/die-deutsche-eiche-oder-auch-happy-night,a6738

https://mein.nwzonline.de/varel/ortsgeschichte/vareler-papierkorb/dieser-artikel-schlug-bei-facebook-wie-eine-bombe-ein,a14815

http://www.deichstyle.com/189-0-Eiche-Revival-.html

 

 

 

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