Traditionsgaststätte und Hotel „Haßmann“ wird dem Erdboden gleichgemacht

Nach über 140 Jahren. Nun soll ein neuer Supermarkt kommen

Es stimmt mich schon ein wenig traurig, wenn ich von dem Vorhaben lesen muss. Ich bin in Obenstrohe aufgewachsen und kenne noch die alte ursprüngliche Variante von Haßmann und mit dem späteren Umbau (in der derzeit noch aktuellen Variante) danach. Mein Vater und Opa waren dort schon zu Gast und kannten die alten Inhaber noch persönlich.

Teilscan Postkarte Haßmann vorne

Teilscan Postkarte Haßmann vorne

Erinnerungen an eine alte Zeit

Viele Feiern im Saal von Haßmann brannten sich in meiner Erinnerung dauerhaft fest, auch wenn ich damals noch ein Kind war. Darunter waren u. a. eigene Familienfeiern, wie Konfirmation, Silberhochzeit, aber auch viele andere regelmäßige Veranstaltungen wie vom Kaninchenzuchtverein Varel, wo die Prominenz von Varel sich noch die Klinke in die Hand geben durfte. Der Saal war groß und gut besucht. Es waren wahre Highlights in Obenstrohe. Der mir persönlich bekannte und geschätzte Karl-Heinz Funke, war z. B. dort auch gut bekannt und immer gern gesehener Gast. Ein begnadeter Redner war er sowieso und vielleicht ein Grund mit, warum Haßmann als Synonym für eine tolle Veranstaltung und schöne Gastlichkeit herhalten durfte und damit noch bekannter wurde. Für die Kegelfreunde gab es eine Kegelbahn, wo sich auch viele aus dem Ort regelmäßig trafen. Aber auch das „junge Volk von damals“ kann sich noch an die guten alten Zeiten dort erinnern, da es im hinteren Bereich eine relativ gut besuchte Disco gab. Haßmann war bekannt.

Köstlichkeiten

Die eigentliche Gaststätte (incl. Bierstube) bot eine über die Region hinaus bekannte und sehr schmackhafte Küche. Allein durch die Küche wurde Haßmann bei vielen ortsansässigen zu einem festen Begriff kulinarischer Köstlichkeiten. Ella Haßmann, als Ehefrau vom Inhaber, war die bekannte Meister-Köchin dort, der Fels in der Brandung. Viele kamen oft nur wegen ihrer Kochkünste.

Teilscan Postkarte Haßmann seitlich
Teilscan Postkarte Haßmann seitlich

Ich kann mich noch gut an die alten Inhaber erinnern, obwohl nach Jahrzehnten die Erinnerungen auch immer mehr verblassen. So gab es neben der Gaststätte auch noch einen kleinen, aber feinen EDEKA-Laden, der vom Bruder und seiner Frau betrieben wurde.

Umbau

Durch den späteren Umbau wurde Haßmann zu einem größeren Hotel. Ich kann mich noch an viele meiner Verwandten erinnern, die oft und gerne dort die Übernachtungsmöglichkeiten in Anspruch nahmen. Das Hotel war sauber und gepflegt und für viele ein Inbegriff von gemütlicher Gastlichkeit. Als Ella altersbedingt irgendwann nicht mehr konnte, starb, neue Inhaber übernahmen, starb auch die Gaststätte und damit auch das Hotel. Damit wurde der Untergang von Haßmann besiegelt, welcher viele Jahre später,  2007, seinen ersten Höhepunkt fand.

Zwangsräumung

Am 28.04.2007 war in der Nordwest-Zeitung folgendes zu lesen:

Gasthof Haßmann zwangsgeräumt
https://www.nwzonline.de/friesland/wirtschaft/gasthof-hassmann-zwangsgeraeumt_a_5,1,1068040459.html

Das war zwar ein Schlag für viele Obenstroher, musste aber zwangsläufig so passieren. Die Zwangsräumung war nur ein Ergebnis vieler vorheriger Erfahrungen. Viele aus dem Ort und auch andere Gäste, berichteten über nicht akzeptable Zustände in der Küche und bis zuletzt wurden sogar auch noch Zimmer über die Online-Plattform eBay vermietet.

Zwischenbilanz

Das Gebäude stand dann bis 2018 jahrelang leer und zerfiel immer mehr. Schon damals gab ich die Hoffnung auf, dass sich je wieder dort, was rühren würde. Es war schmerzhaft mitansehen zu müssen, wie ein ehemals relativ modernes und schickes Gebäude immer mehr zerfallen musste. Vandalismus und Schmierereien an den Wänden zeugten davon. In den letzten Jahren zeigte sich auch Außen der Zustand, der die inneren Zustände nur noch erahnen ließ.

Flüchtlinge als „Zwischenlösung“?

Warum es so lange dauern musste bzw. warum ein Gebäude so lang ungenutzt leer stehen muss, darüber könnte ich nur spekulieren. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass das nicht sein müsste. Gerade wenn immer geklagt wird, dass man für die s. g. „Flüchtlinge“ kein Platz hätte, hätte man diesen Platz sicherlich gut gebrauchen können. Und von den Kosten her, wäre es sicherlich kein Problem gewesen. Die Flüchtlinge hätten das Gebäude beispielsweise selbst bewirtschaften (na, gut, manchmal wohl auch eher „verwirtschaften“) können und so für einen gewissen Ausgleich in den sozialen Kassen sorgen können. Nein, stattdessen nahm man lieber ein noch intaktes und gut funktionierendes Etablissement in Varel. Da wusste man ja, wohin die Gelder gingen.

„Gerüchteküche“

Aber schon damals gab es, kurz nach der Zwangsräumung einige Stimmen die berichteten, dass das Areal einem größeren Geschäft weichen und Haßmann abgerissen werden sollte. Vielleicht wurde damals schon alles eingefädelt und rechtlich durfte man nur noch nicht tätig werden, auch vielleicht nicht, weil es sonst vielleicht einige Bürger gegeben hätte, die sich hier beschwert hätten.  Nun nach 10 Jahren und nachdem Gras über alles gewachsen ist, scheint es in der Tat wahr zu werden. Das hatte man ja auch prima mit der denkmalgeschützten Bahnhofsbrücke geschafft. Warten bis es fast von alleine zusammenbricht, dann kräht kein Hahn mehr danach, was dann damit passiert. Wie soll man dann auch noch großartig gegenargumentieren?

Abriss

Für Haßmann kommt ein neuer Edeka
Landgasthof weg, Edeka hin – das ist der Plan für Obenstrohes Ortskern. An dem Vorhaben gibt es allerdings auch schon Kritik.
https://www.nwzonline.de/friesland/wirtschaft/obenstrohe-ortsentwicklung-fuer-hassmann-kommt-ein-neuer-edeka_a_50,1,433174973.html

Nun soll also tatsächlich ein weiterer Supermarkt auf dem Areal entstehen. Der alte EDEKA an der Mühlenteichstraße soll weichen (daraus ggf. Wohnungen entstehen) und dann in den größeren Neubau später ziehen.

Kritik

Kritik gibt es seitens einiger Ratsmitglieder und anderer Unternehmen in der Innenstadt. Diese befürchten, dass bei so einem großen EDEKA-Markt noch weniger Kunden in die Innenstadt gehen werden.

Neuer Edeka ist „gefährlicher Präzedenzfall“ für die Stadt
https://www.nwzonline.de/friesland/wirtschaft/varel-obenstrohe-ortsentwicklung-neuer-edeka-ist-gefaehrlicher-praezedenzfall-fuer-die-stadt_a_50,1,492566433.html

Übrigens ist der neue EDEKA keine (wirkliche) Konkurrenz zum Billig-Netto. Der Billig-Discounter Netto ist eine Tochter von EDEKA. Was der eine später nicht hat, hat eben der andere. Egal wohin man gehen wird, kassieren tut am Ende immer EDEKA. Freier Wettbewerb oder Vorteile für norddeutsche Unternehmen wie Bünting mit seinem famila-Supermarkt, sehen für mich anders aus.

Ich meine, dass die Innenstadt schon jetzt so gut wie „tot“ ist und nur noch durch Läden wie Rossmann (bzw. manchmal auch Rossfrau) und Woolworth überhaupt am Leben gehalten wird. Diese bieten noch eine reichhaltige Auswahl und ein großes Sortiment vieler verschiedener Produkte an. Ganz ehrlich, wer in die Vareler Innenstadt will, der muss dort ernsthaft (z. B. beim Arzt) was zu erledigen oder auch nur ein wenig Langeweile haben.

Doppelzüngigkeit

Abgesehen davon, hat man viele gute und kleinere Geschäfte in der Zwischenzeit „kaputtgehen lassen“. So z. B. auch die beliebte Fischbude von Joschi. Der famila-Supermarkt hätte gern (übrigens neben NanuNana, einer Apotheke und einer Postagentur) einen Fischmarkt (wie von Joschi vielleicht) bei sich integriert gesehen, aber scheiterte es (wie so oft) an einem Veto seitens der Stadt. Es ist kein Geheimnis, dass die Stadt Joschi damals Schwierigkeiten machte, weil auch hier das Interesse der Händler am Hafen vorrangig gesehen wurde. Die Verflechtungen der ganzen Unternehmen mit den Mitgliedern im Stadtrat zeigen Spuren. Nur so entfernen sich die Kunden immer mehr, anstatt sich zu nähern.

Ich habe lange Zeit in der Nähe der Innenstadt gewohnt und mich zog es nur hinein, weil ich diese zu Fuß innerhalb von 5 Minuten erreichen konnte. Jetzt fahre ich lieber auf die „grüne Wiese“, weil ich dort alles finden und auch gut parken kann. Letztes wahrscheinlich auch ein Grund, warum so wenig in die Stadt fahren mögen. Zu den Hauptverkehrszeiten ist die Innenstadt „dicht“ und eine Parkplatzsuche gleicht einem Drama.

Verkehrchaos

Schuld war nur die damalige miserable Politik der Stadt. Ein damals sehr gut bekannter Unternehmer im Stadtrat, konnte sich durchsetzen. Der Hauptverkehr sollte mitten durch die Stadt gelotst werden. Vorbei an seinem Geschäft natürlich.  Während andere Städte längst ihren Hauptverkehr außen um zu (wie z. B. Westerstede) fließen lassen, muss sich der Verkehr Autobahn WHV/Oldbg. <—> Varel <—> Wesertunnel / Rodenkirchen mitten durch den Kern von Varel quälen. So macht Varel keinen Spaß. Wer sich da dann noch wundert, warum die Gäste der Innenstadt fern bleiben, sollte sich das einmal direkt vor Ort anschauen.

Katzengejammer

Wer sich jetzt darüber beklagt, dass ein neuer bzw. größerer Supermarkt in Obenstrohe den Geschäften in der Innenstadt das Leben schwer machen könnte, sollte besser die Klappe halten und überlegen, was in der Vergangenheit schon alles hätte gemacht werden müssen und versäumt wurde. Der Landgasthof Haßmann hatte auch seine Geschichte und hätte erhalten werden müssen. Ich mag da auch gerne an das berühmte „Kaffeehaus Varel“ erinnern, wo jetzt ein Ort der Fitness entstehen soll. Kaffee und Kuchen neben keuchenden, ächzenden Menschen, mit ihren schweiß durchnässten Körpern. Appetitlich lecker, auch für Touristen. Könnte ich ja gleich in die Cafeteria vom Krankenhaus gehen.

Fazit

So geht Varel wirklich nach und nach kaputt und verliert mit dem kleinen verträumten Künstlerdorf Dangast so langsam seinen letzten Flair als norddeutsche gemütliche Kleinstadt mit einer langen Geschichte.


Noch etwas Historisches

Noch eine kleine Geschichte aus dem Jahr 1955, die mir in die Hände fiel und wo der Name Haßmann (neben dem Bäcker Thümler, der später auch mit Mäusen bekannt wurde) eine Rolle spielte:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-31971143.html

http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/31971143

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